Software mit Sinn?

Das enorm-Wirtschaftsmagazin hat uns interviewt. Das Porträt über uns heißt “Software mit Sinn”. Das ehrt und schmeichelt uns. Gleichzeitig regt uns es zum Nachdenken an.

Schraubenzieher und Schweizer Taschenmesser

In der neuen Printausgabe des enorm-Wirtschaftsmagazins werden wir porträtiert. Das empfinden wir als Wertschätzung unserer Arbeit. Gleichsam wirft es die Frage auf: Wann kann Softwareentwicklung sinnstiftend sein?

Software ist kein Selbstzweck, obschon man nach Descartes formulieren könnte: Ich code, also bin ich. Software ist ein Werkzeug. Wer Software entwickelt, hat nur marginalen Einfluss darauf, wer diese Software später wofür verwendet.

Excel ist hierfür ein gutes Beispiel: Man kann damit so viel kalkulieren, dass Ideenhistoriker dem Einfall erliegen könnten, ohne Excel wäre die Finanzkrise 2008 nicht möglich gewesen. Der Normal-Nutzer verwendet es jedoch für simple Listen. Die Software ist so kompliziert, dass kaum jemand weiß, wie man sie effizient bedient.

Excel, aber auch SAP, Word oder die chinesische App WeChat sind Schweizer-Taschenmesser-Produkte. Sie decken alle denkbaren Anwendungsfälle ab. Wenn es aber darauf ankommt, findet man den Korkenzieher beim Schweizer Taschenmesser nicht, weil es so viele andere Funktionen hat. Das Produkt will für alle praktisch sein, ist dabei aber unhandlich und unübersichtlich.

Korken kann man mit verschiedenen Werkzeugen ziehen.

Demgegenüber steht Single-Use-Case-Software, wie zum Beispiel workflowy, eine unserer Lieblingsapps. Sie ist wie ein Schraubenzieher ein Werkzeug für einen einzigen Anwendungsfall: Listen. Zugegebenermaßen wird sie von uns oft zweckentfremdet für Dokumentationen, Abstimmungen oder Prozessbeschreibungen, genauso wie man mit einem Schraubenzieher auch eine Weinflasche öffnen kann.

Ob die Product Owner und Softwareentwickler von Excel und Workflowy das kommen sahen? Ist das der Sinn ihrer Produkte? Ob es für die jeweiligen Produkte überhaupt relevant ist, wofür sie benutzt werden?

Software in Zeiten spätkapitalistischer Digitalität

Vor dem Hintergrund, dass Werkzeug in verschiedenen Situationen als Mittel für verschiedene Zwecke eingesetzt werden,  müssen wir uns regelmäßig hinterfragen: Welche Software wollen wir wie entwickeln?

Irgendjemand könnte beispielsweise mit dem Tool zum systemischen Konsensieren auch darüber entscheiden, wie noch mehr Fleisch verkauft werden kann.

Nachdem wir allesamt keine Salon-Philosophen sind, begnügen wir uns mit folgenden Leitplanken:

  • Kann mit der Software ein reales, schwerwiegendes Problem gelöst werden? Das heißt, besteht ein konkreter Bedarf?
  • Gibt es noch keine bestehende ausreichende Softwarelösung?

Dass jemand bereit ist für die Software Geld auszugeben oder zu investieren, ist derweil kein Garant für Sinnhaftigkeit. Wir sagen:

Zwar steht in allen Canvas- und lean-Startup-Bibeln, dass Produkt-Thesen dann verifiziert sind, wenn jemand bereit ist Geld auszugeben, aber Hand aufs Herz: Für wie viele Produkte, die nicht gebraucht werden, sind Menschen bereit Geld auszugeben?

In Zeiten, in denen “Hier bin ich Mensch. Hier kaufe ich ein.” ein akzeptierter Werbeslogan ist, fragen wir uns auch, ob “Sinn” als spätmodernes Konsumkonstrukt nicht ohnehin Trick 17 mit Selbstüberlistung ist, damit sich Individuum nicht langweilt oder gar überflüssig fühlt.

Wir plädieren für eine Art Subsistenz-Softwareentwicklung: Wenn es ihrer bedarf, bauen wir sie. Wenn sie zweckentfremdet wird, werden wir damit leben, immerhin sind Menschen kreativ und improvisieren.
Uns kommt es darauf an, die Softwareentwicklung mit Sinn und Verstand zu betreiben. Dann haben wir hoffentlich Software mit weniger Unsinn.